24.2.06

Traditionspflege - eine Kritik

Gänsereiten hat in Bochum-Höntrop Tradition. Jeweils am Rosenmontag eifern dort blaubekittelte Reiter in Volksfestatmosphäre miteinander, einer Gans den Kopf abzureißen. Sie berufen sich auf einen Brauch, der Jahrhunderte zurückreichen soll.

Tatsächlich waren in Teilen des heutigen Ruhrgebietes während der Kriegswirren des 16. und 17. Jahrhundert spanische Truppen stationiert. Ungeklärt bleibt, ob Vergnügungen einer gelangweilten Soldateska oder spanische Ausbilder der zum Kriegsdienst gepreßten Männer das heute heftig umstrittene Karnevalsspektakel begründeten.

Seit einigen Jahren versuchen Tierschützer, die Gänsereiter von der Verwendung von Gänsen abzubringen. Sie halten es nicht für vertretbar, Tiere zum bloßen Vergnügen zu töten. Bis jetzt scheiterten sie allerdings an der Beharrlichkeit der Veranstalter, die sich nicht nur des Zuspruchs zahlreicher Besucher erfreuen, sondern auch der Unterstützung von Kirche und Politik.

Die Höntroper Gänsereiter pflegen eine Form des Brauchtums, dem wir in anderer Form in spanischen "Blutfiestas" oder auch in militärischen Übungen wiederbegegnen: das hilflose Tier als Opfer einer enthemmten Menschenmenge.

Deshalb darf die Frage nicht heißen: ist es Tradition? Sondern: schätzen wir das, was die Tradition ausmacht, und wollen es lebendig erhalten? Wird diese Frage nicht beantwortet, ist es hohles Spektakel.


Weiterführende Links:

Pressemitteilung des Vereins "Die Tierbefreier e. V." vom 23.02.2006
Gänsereiten in der Sendung "Tiere suchen ein Zuhause" vom 20.02.2005
Weitere Informationen und Mitmachaktionen auf Tierrechtsnetz.de

Bildstrecke Blutfiestas von "Fight against animal cruelty in Europe" (FAACE)
"Tapferkeitstest"* der peruanischen Armee


* Link in englischer Sprache

Nach Angaben der Welttierschutzorganisation WSPA hat die peruanische Regierung versichert, daß die geschilderten Übungen unterbunden wurden.

Foto: Pieter Bruegel d. Ä.: Streit des Karnevals mit der Fastenzeit (1559) aus The York Project - Lizenz: GFDL

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